Idyllisches Fischerdorf, kreative Künstlerkolonie, flippige Hippie-Enklave - der kleine Ort Matlacha zwischen Cape Coral und Pine Island ist vieles. Und in all seinen bunten Facetten doch einmalig. Tatsächlich, es liegt eine gewisse Leichtigkeit in der Luft, wenn man über die Brücke von Cape Coral nach Matlacha fährt. Irgendwie scheint hier alles ein bisschen heller zu sein als auf dem Festland. Und strahlender. Vielleicht liegt’s am Wasser, das sich, im warmen Wind kräuselnd, wie flüssiges Silber um das Eiland legt. Oder ist es doch der Geist der Caloosa-Indianer, der auch nach Jahrhunderten noch über den hiesigen Barrier Islands schweben soll? Die Fischer von Matlacha jedenfalls scheinen sich weder um ungewöhnliche Lichteffekte noch uralte Mystik zu scheren, wenn sie gerade ihren Fang aus den Fischgründen des Golf von Mexiko an der hölzernen Pier ausladen. Sie absolvieren ihre Arbeit in geübter Routine. Was immer auch der Grund sein mag: Die Unbilden des Alltags scheinen hier auf der pittoresken Insel eine halbe Fahrstunde von Fort Myers entfernt von einem abzufallen. Angenehmer Schwebezustand. Wenn das tropische Grün der Mangroven plötzlich den bunten Leuchtfarben der einstöckigen Häuschen an der Pine Island Road weicht, fühlt man sich in einen Kindertraum versetzt. Sonnengelb getünchte Restaurants reihen sich an azurblaue Galerien und an in knalligem Orange gestrichene Restaurants und erwecken karibische Gefühle. Matlacha und das benachbarte Pine Island wurden bereits im Jahre 1513 von Ponce de Leon entdeckt, der hier acht Jahre später, nach erfolgloser Suche nach Gold und dem Brunnen der ewigen Jugend, vom Pfeil eines Caloosa-Indianers niedergestreckt wurde. Und irgendwie macht Matlacha (ausgesprochen >Matt-laah-schee<) auch heute noch den Eindruck, als würde die Zeit schläfrig in einen langsameren Trott verfallen. Slow down und relaxed geht es hier zu. Die rund 750 Bewohner: eine Melange aus Fischern, Künstlern, Freigeistern. Oder was man salopp als „Althippies“ bezeichnen könnte. Dazu kommen erfolgreiche „Professionals“ aus Fort Myers, die vom unkonventionellen Flair dieser Insel angezogen wurden. Ein sympathischer Mix. Man kann auf Matlacha lange nach den luxuriösen Hotelbauten und Appartmentkomplexen suchen, wie man sie auf Sanibel und in Fort Myers Beach findet - nein, hier gibt’s noch die kleinen Bed & Breakfast’s die verwinkelten Bait Shops und putzigen Art Galleries. Lange war die Fischerei die Haupteinnahmequelle. In der Gegend nördlich von Matlacha liegen bekannt gute Fischgründe. Heute steuern die Tagesausflügler einen guten Teil der Einnahmen bei. Es waren die Künstler, die Matlacha irgendwann für sich entdeckten und über dem einstigen Fischerdorf gewissermaßen die Farbeimer auskippten. Und mit ihnen zog ein ziemlicher Freigeist in die idyllische Gemeinde ein. Die bunt getünchten Galerien, die schrägen Bars und die lässigen Seafood-Restaurants verraten meist schon von außen viel über ihre Besitzer. So zum Beispiel die Matlacha Art Gallery von Leoma Lovegrove: Strahlend wie ein Tequila Sunrise verwischt sich das tiefe Orange in Richtung Dach zu einem zitronenfarbenen Gelb. Lovegrove kam als eine der ersten - und steckte mit ihrer Leidenschaft für die Kunst den ganzen Ort an. Jetzt organisiert sie während der Saison jeden zweiten Freitag im Monat Kunstspaziergänge durch Matlacha und befreundete Galerien im nahegelegenen Pine Island. Der Abend endet dann meist mit Cocktails und Livemusik. In der Matlacha Art Gallery findet man Drucke und Originale von Lovegroves Arbeiten sowie anderer hier ansässiger Künstler. Gleich nebenan der Wild Child Art Gallery finden Besucher einen bunten Mix von Arbeiten Dutzender Künstler aus Südwest Florida. Ein paar Schritte weiter am Bootssteg lässt es sich hervorragend auf einer Gartenbank verschnaufen, die aus zahllosen Hufeisen geschmiedet wurde, um von dort aus dem ganzen Treiben gelassen zuzusehen. Auf der anderen Seite der Straße, gleich neben der Matlacha Brücke steht bei Traders’s Hitching Post indianischer Silberschmuck und Kunst aus dem Südwesten der Vereinigten Staaten zum Verkauf. Die Besitzer Jerry und Cindee sammeln seit Jahren authentische indianische Artefakte wie Armreifen, Katsina-Puppen der Hopi-Indianer oder Tonwaren der Navajos. Die Galerie avancierte zu einer echten Institution in Matlacha und befindet sich schon seit über zwanzig Jahren an diesem Standort. Irgendwo soll es dann auch noch den „Matlacha Yacht Club“ geben, doch dessen Flotte besteht zumeist aus Kajaks und kleinen Fischerbooten mit Außenbordmotor. Ein Clubhaus jedenfalls sucht man vergebens. Dafür kann man die Doll Lady besuchen, die seit Jahren vor ihrem Puppenhaus steht, gemeinsam mit ein paar Holzpferden und einigen alten Metallstühlen. Das Schild an der Tür sagt; „Entschuldigung. Das ist kein echter Laden. Sondern nur Spaß!“ Als müsste man den Fremden den augenzwinkernden Humor des Ortes erklären… Weiteres Beispiel gefällig? In Matlacha gibt es Frauen, die ständig Angelhaken mit sich herumtragen, auf englisch >hooks<. Irgendwann hat man sie respektlos „Hookers“ getauft, was andernorts eine eher abwertende Bezeichnung für Damen des horizontalen Gewerbes ist. In Matlacha sind die „Hookers“ allerdings alles andere als das, sondern gehören einer hoch geachteten Organisation an, die Angelturniere und Spendensammlungen organisiert, um die örtliche Schule zu unterstützen und um in Not geratenen Nachbarn zu helfen. Echte Einheimische erkennt man im Übrigen an den kniehohen weißen Gummistiefeln, in denen hier fast jeder durch die flachen Gewässer stapft. „Matlacha Reeboks“ wurden sie einst getauft. Und selbst in Bert’s Bar zieht niemand diese Dinger aus. Der urige Schuppen ist seit 75 Jahren der Insider-Treffpunkt schlechthin, mit Live-Musik, Karaoke und einem stets abgefahrenem Publikum. Direkt an der Bay und mit einem wunderbaren Blick aufs Wasser. Bert’s Bar war schon beliebter Treffpunkt für jene Soldaten, die während des Zweiten Weltkriegs in Fort Myers am Pagefield Flughafen stationiert waren. Heute ist der Laden Anlaufstelle für die lokalen Fischer, die ihre Boote gleich draussen angebunden haben. Und natürlich die vielen Künstler und Kreativen, die hier ihr Zuhause gefunden haben. Und um nicht in der Welt woanders leben wollen als in Matlacha.
